20 tote Wölfe für gefühlte Sicherheit

Norwegen, Schweden, Finnland
Antworten
Benutzeravatar
Nina
Beiträge: 1728
Registriert: 10. Feb 2016, 13:25

20 tote Wölfe für gefühlte Sicherheit

Beitrag von Nina »

Finnland will man wieder seinen Wolfsbestand "pflegen": 20 Wölfe sollen "gepflegt", äh, abgeschossen werden. Für den Arterhalt, versteht sich, also nur zu ihrem Besten.

Man darf sicherlich gespannt sein, wie Finnland seine "Bestandspflege" mit der Jagdwaffe dieses Mal - ernsthaft und wissenschaftlich belegt - begründen will, nachdem es 2019 im sogenannten Tapiola-Urteil vom EuGH kräftig abgewatscht worden war.
"Durch die Jagd stellen wir sicher, dass sich die Menschen in Finnland wieder überall sicher fühlen können, auch in den Gebieten mit Wolfsvorkommen. Unser Ziel ist eine Regulierung des Zuwachses, die Vorbeugung von Schäden und die Verbesserung der Akzeptanz", erklärt der Agrar- und Forstminister Jari Leppä in einer Presseerklärung.

Svensk Jakt, 14.12.2021: Jakt ska vårda rekordstor finsk vargstam https://svenskjakt.se/start/nyhet/jakt- ... -vargstam/
Wie wir ja bereits wissen, leben die Finnen ganz aktuell in ständiger berechtigter Angst und Sorge vor dem Wolf:
"In Finnland ist die Angst vor Wölfen ebenfalls weit verbreitet. Im vergangenen Jahr haben wir finnische Teilnehmer einer Artenschutzkonferenz gefragt, woher das kommt. Sie sagten, in Finnland sei jemand von Wölfen getötet worden. Wir fragten, wie lange das her sei. Ihre Antwort: etwa 400 Jahre."

Luigi Boitani im Interview mit SPIEGEL-Redakteurin Julia Koch,SPIEGEL-Print-Ausgabe 16/2015 vom 11.04.2015: "Nicht wegrennen!", Seite 108
Da muss natürlich zügig gehandelt werden, findet das Agrar- und Forstministerium:
Die Bejagung ist eine der Maßnahmen im Wolfsmanagementplan zur Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes, die gleichzeitig den Belangen der Menschen in den Wolfsgebieten gerecht werden soll. [...] Die Abschussquote soll 20 Wölfe außerhalb des Rentierzuchtgebiets betragen. [...] Das Agrar- und Forstministerium erklärt in seiner Pressemitteilung, dass Wölfe außerhalb des Rentierzuchtgebiets gemäß der EU-Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie streng geschützt seien. Ausnahmen seien jedoch möglich, wenn die Jagd ein konkretes Ziel verfolge und es keine anderen milderen zufriedenstellenden Maßnahmen gäbe. Dabei dürfe die Jagd den günstigen Erhaltungszustand nicht gefährden.

Svensk Jakt, 14.12.2021: Jakt ska vårda rekordstor finsk vargstam https://svenskjakt.se/start/nyhet/jakt- ... -vargstam/
Finnland zählte im März dieses Jahres 28 Rudel und 20 residente Paare (ebenda).

Wie sich durch den Abschuss von 20 Wölfen "die Menschen in Finnland wieder überall sicher fühlen können", die ohne die Quote in ständiger Angst leben würden, weil vor 400 Jahren mal jemand durch Wölfe ums Leben gekommen sein soll, ist mir schleierhaft. Ob der EuGH sich mit solchen lächerlichen Begründungen nicht veralbert fühlt?

Mir ist jetzt schon häufiger aufgefallen, dass Politiker unter "die Menschen auf dem Land" offensichtlich nur die paar People begreifen, die Wölfe jagen wollen, kein Naturverständnis haben, ihren Aberglauben für Fakten halten und Tradition über Wissenschaft stellen. Und die am lautesten schreien und manipulieren, versteht sich. Ist den Schweden auch aufgefallen:
Lethal management of wolves is not only out of step with modern conservation, but it is also not supported by the public as many recent polls show. It is quite perplexing that the Finnish ministry puts so much attention on those who are against the presence of wolves while totally ignoring the opinion of the majority who wants wolves’ lives to be respected.

Svenska Rovdjursföreningen, 30.11.2021: Musterbrief an den finnischen Agrar- und Forstminister Jari Leppä, De finska vargarna behöver vår hjälp https://rovdjur.se/de-finska-vargarna-b ... var-hjalp/
Wer sich dem anschließen möchte, kann den kompletten englischen Muster-Text (Link siehe Zitat) übernehmen und dem Herrn Leppä 'ne E-Mail schreiben an: jari.leppa@eduskunta.fi
Benutzeravatar
Nina
Beiträge: 1728
Registriert: 10. Feb 2016, 13:25

Re: 20 tote Wölfe für gefühlte Sicherheit

Beitrag von Nina »

Finnische Verwaltungsgerichte kippen Beschlüsse für diesjährige Wolfsjagd

Die finnischen Verwaltungsgerichte Norra Finlands Förvaltningsdomstol, Vasa Förvaltningsdomstol und Åbo Förvaltningsrätt haben die diesjährige Wolfsjagd auf nunmehr insgesamt 18 Wölfe gekippt. Da waren sich die Gerichte einig. In ihren Begründungen führten sie an, dass die Wölfe in Finnland zu den stark gefährdeten Arten zählten. The Finnish Nature League Luonto-Liitto, Finnlands Naurschutzverband und WWF-Finnland hatten sich bezüglich Finnlands Wolfspolitik an die EU-Kommission gewendet. Luonto-Liittos Chef Sami Säynevirta zeigt sich zufrieden anlässlich der aktuellen der nationalen Gerichtsentscheide. "Die Gerichtsbeschlüsse sind sehr gut. Gleichzeitig verwundert es schon, wie ein mit dieser Frage befasstes staatliches Organ wie das Agrar- und Forstministerium geltendes EU-Recht missachtet." Die Beschlüsse zur Wolfsjagd waren auf außergwöhnlich starke Kritik gestossen. Insbesondere für die Abschussgenehmigung für ein weit von Siedlungen entfernt lebendes komplettes Wolfsrudel in Saunajärvi im Kajanaland hatte es breiten Widerstand gegeben.

Per Ausnahmegenehmigung hatte die verantwortliche Behörde Finlands Viltcentral 8 Wölfe in Kuhmo, 2 Wölfe im Gebiet Liminka-Lumijoki, 5 Wölfe in der Region Kauhajoki-Karvia und 3 Wölfe in den Gebieten um Somero-, Nummi-, Pusula- och Tammela zum Abschuss freigegeben, weil die Wolfsdichte in den genannten Distrikten vermeintlich höher sei als gewöhnlich. Laut Viltcentralen hätte diese Wolfsjagd nur minimale Konsequenzen für den finnischen Wolfsbestand gehabt. Sie war ursprünglich für einen Zeitraum von 15 Tagen ab dem 01.02.22 geplant. Doch nach den Gerichtsurteilen wird nichts mehr aus der Wolfsjagd in dieser Saison.

Vgl. Svenska Yle, 28.01.2022: Förvaltningsdomstolen förbjuder vargjakt den här vintern https://svenska.yle.fi/a/7-10012181
Benutzeravatar
Nina
Beiträge: 1728
Registriert: 10. Feb 2016, 13:25

Re: 20 tote Wölfe für gefühlte Sicherheit

Beitrag von Nina »

Die Jäger sind erbost über das Urteil. Der finnische Jagdverband bezeichnet die Situation als "unmöglich". Die Jäger hatten eigentlich eine Jagdzeit von Januar-März gefordert, worauf ihnen lediglich 15 Tage bewilligt wurden. Dann folgte das gerichtliche Aus für die Wolfsjagd. Nun fordert der Jagdverband, den Einfluss der EU auf die finnische Wolfspolitik zu verringern und verweist dabei auf die Rechtslage in Estland und in den finnischen Rentiergebieten.

Vgl. Jakt & Jägare, 31.01.2022: Finsk domstol förbjuder vargjakt – Jägareförbundet rasar https://www.jaktojagare.se/kategorier/u ... det-rasar/
Antworten