Bauernaufstand

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Lutra
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Re: Bauernaufstand

Beitrag von Lutra »

Nina, hast Du vergessen, das als "Satire" zu kennzeichnen? 😉

Um den Vergleich mit der Corona-Impfung vom Hinken zu erlösen, müsste man die Zuckerrüben impfen, um deren Immunabwehr gegen das Virus zu aktivieren.
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Nina
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Re: Bauernaufstand

Beitrag von Nina »

Wenn man es nur einfach und geschickt genug erklärt, glauben die Menschen irgendwann daran.
Die Pflanzen sollen vor der Blattlaus geschützt werden, sagt Heinrich-Hubertus Helmke, Geschäftsführer des Dachverbands Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (DNZ). [...] Die Pflanzen können Sonnenlicht dann nicht mehr in Zucker umwandeln. Sie bringen keinen Ertrag mehr: "Im Extremfall kann das mehr als 50 Prozent ausmachen", sagt Helmke. [...] "Dieses Mittel ist richtig giftig, es schädigt nicht nur die Laus, sondern alle Insekten", sagt Axel Ebeler, stellvertretender Landesvorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Niedersachsen. "Wenn von den Honigbienen einige ausfallen, überlebt das Volk. Wenn aber eine Wildbiene, die solitär lebt, stirbt und die Brut stirbt, ist das dramatisch bei den Wildbienenarten." Helmke widerspricht. Wildbienen und andere Nützlinge flögen nur zu Pflanzen, die blühen, weil sie den Nektar saugen wollen. Zuckerrüben aber blühten nicht, betont er: Sie würden geerntet, bevor sie blühen können. "Wir haben das Mittel 20 Jahre im Einsatz gehabt, ohne dass irgendwo Schäden an Nützlingen festgestellt wurden", sagt er.

NDR, 27.03.2021: Streit um Neonics: Wie schädlich ist das Insektengift? https://www.ndr.de/nachrichten/niedersa ... cs100.html
Wenn die getöteten Insekten nicht sichtbar millionenfach vom Himmel regnen, kann es ja wohl auch kein Insektensterben geben.
In den vergangenen 27 Jahren sind laut einer Studie 75 Prozent der fliegenden Insekten in Deutschland verschwunden. Und ohne ein radikales Umdenken in der Landwirtschaft könnten schon in zehn Jahren auch die restlichen Bienen, Hummeln und Libellen ausgerottet sein. [...] Nach der Veröffentlichung der Krefelder Studie hagelte es von industriefreundlicher Seite Kritik unter der Gürtellinie. Die Autoren seien Hobbyforscher, hieß es – obwohl unter ihnen international anerkannte Experten sind. Die Datenerhebung sei unzureichend – obwohl es bislang keine gründlichere Erhebung in Deutschland gibt. Die Auswertung sei mangelhaft – obwohl ausgewiesene Statistiker sie an Universitäten fachgerecht durchgeführt hatten.

Deutschlandfunk Kultur, 25.01.2018: Bedrohte ÖkosystemeDas leise Sterben der Insekten https://www.deutschlandfunkkultur.de/be ... _id=409173
Klar, 20 Jahre im Einsatz ohne (mit bloßem Auge sichtbare) Schäden an Nützlingen - und naiv dargestellt, bleibt natürlich auf dem Zuckerrübenfeld, was aufs Zuckerrübenfeld ausgebracht wurde.
Studie zu Umweltgiften: Pestizide verbreiten sich kilometerweit durch die Luft

Pestizide wie Glyphosat landen meist nicht nur auf den Äckern, sondern auch weit davon entfernt. Die Bundesumweltministerin nennt die Ergebnisse besorgniserregend.
[...] In der Landwirtschaft verwendete Pestizide und deren Abbauprodukte verbreiten sich einer Studie zufolge kilometerweit durch die Luft. [...] Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz seien zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt hätten sich deutschlandweit 138 Stoffe gefunden, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen gewesen seien.

ZEIT online, 29.09.2020: Studie zu Umweltgiften: Pestizide verbreiten sich kilometerweit durch die Luft https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-09/ ... kgo.com%2F
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Nina
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Re: Bauernaufstand

Beitrag von Nina »

Das erinnert an die niedersächsische Wolfspolitik - auf "normalem" Wege innerhalb gesetzlicher Bestimmungen mit Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Belange und vor der erdrückenden Faktenlage - ist an die Durchsetzung einer regulären Wolfsjagd schlicht nicht zu denken. Um diese zu erreichen, braucht es Hintertürchen und ein paar passend zurechtgepuzzelte argumentative Schnipselchen - und schon hat man die reguläre Jagd, die dann lediglich den Namen "Ausnahmegenehmigung(en)" trägt.
Im Kreis Dithmarschen dürfen Landwirte bei der Zuckerrübenaussaat wieder sogenannte Neonicotinoide nutzen - von der EU verbotene Insektizide. Hintergrund ist eine Notfallzulassung, die die Zuckerrüben vor einem Virusbefall schützen soll. Weil eine Viruskrankheit immer mehr Zuckerrübenkulturen in Deutschland angreift, haben zahlreiche Bundesländer aber eine Notfallzulassung für den Einsatz von Neonics ausgesprochen. Unter bestimmten Bedingungen dürfen Landwirte das Nervengift jetzt wieder als sogenanntes Beizmittel nutzen und damit behandeltes Saatgut auf ihren Äckern ausbringen.

NDR, 16.04.2021: Zuckerrübenanbau: Streit um Zulassung für Pflanzengift https://www.ndr.de/nachrichten/schleswi ... en222.html
"Notfallzulassung" in Schleswig-Holstein heißt: Nervengift darf hier auf 1.500 ha ausgebracht werden. Manche Widersprüche finden sich bereits in ein und demselben Text. Die Frau vom Zuckerrübenbauernverband:
Landwirte müssten nicht nur im eigentlichen Anbaujahr viele Regeln einhalten, sondern zum Beispiel auch in Folgejahren darauf achten, welche Kulturen sie nach der Zuckerrübe anbauen, so Stappenbacher. "Sie dürfen danach zum Beispiel erst mal keine Blühpflanzen und generell keine bienenattraktiven Kulturen mehr anbauen. Das soll sicherstellen, dass Bienen auch langfristig nicht von den Flächen angezogen werden und mögliche Rückstände über Nektar und Pollen aufnehmen.

NDR, 16.04.2021: Zuckerrübenanbau: Streit um Zulassung für Pflanzengift https://www.ndr.de/nachrichten/schleswi ... en222.html
Der NABU kritisiert; "Agrarwissenschaftler" dagegen zeigten sich "begrüßend" für einen weiteren Einsatz des Nervengifts:
Zwar verblieben etwa 80 Prozent der Neonics tatsächlich im Boden, doch seien sie dort nach wenigen Monaten vollständig abgebaut. Wissenschaftliche Hinweise auf Schäden für Mikroorganismen oder andere Tiere gebe bei gebeiztem Saatgut bisher keine, so von Tiedemann."

NDR, 16.04.2021: Zuckerrübenanbau: Streit um Zulassung für Pflanzengift https://www.ndr.de/nachrichten/schleswi ... en222.html
Und warum dürfen die Landwirte in den Folgejahren keine Blühpflanzen und bienenattraktive Kulturen auf der Fläche anbauen, wenn es einserseits gar keine wissenschaftlichen Hinweise auf Schäden an Mikroorganismen und anderen Tieren gibt - und das Nervengift angeblich nach wenigen Monaten im Boden bereits vollständig abgebaut ist?

Der NDR bleibt oberflächlich - Naturschutzorganisationen gegen Landwirte und "Agrarwissenschaftler". Der Spektrum-Artikel legt dagegen jedoch nahe, dass es die Meinung von Agrarwissenschaftlern nicht gibt. Je nach Herkunft der Finanzierung kann die wissenschaftliche Erkenntnis sehr gegensätzlich sein.
Die Veröffentlichung der schwedischen Studie im April 2015 machte weltweit Schlagzeilen. Hier wurde nämlich zum ersten Mal gezeigt, dass Neonikotinoide, auch bekannt als Neonics, die Bienen in der Realität auf den Feldern schädigen können. [...] Dabei betonten etliche Landwirte, Agrochemieunternehmen und Wissenschaftler, dass dieses Moratorium nur vorsorglich sei und nur auf begrenzten Daten, zumeist aus Laboruntersuchungen, beruhe. [...] Nach Rundlöfs Veröffentlichung zeigten weitere Studien, wie Pestizide nicht nur im Labor, sondern auch auf dem realen Feld Schaden anrichten können, weshalb Umweltorganisationen immer wieder weitreichendere Verbote forderten. [...] Der Stoff greift in das Nervensystem der Insekten ein und führt dazu, dass die Nerven so lange und kontinuierlich Signale feuern, bis die Bienen schließlich sterben. Viele der Neonics werden direkt auf dem Saatgut angewendet und von der wachsenden Pflanze aufgenommen. Wenn die Pflanzen dann blühen, finden die Wirkstoffe ihren Weg auch in den Pollen und den Nektar. [...] Außerdem scheinen nicht nur die Honigbienen betroffen zu sein, wie etwa zeitgleich veröffentlichte Untersuchungen britischer Wissenschaftler zeigen. [...] Bis 2014 hatte dann aber die Arbeitsgruppe Task Force on Systemic Pesticides (TFSP) – eine Gruppe von etwa 30 Wissenschaftlern einschließlich Goulson – 800 anerkannte Studien über Neonics und Bienen ausgewertet und »klare Beweise für die Schädlichkeit gefunden. Diese waren ausreichend, um Zulassungsbeschränkungen zu fordern.« [...] Noch dazu scheinen Neonics auch auf andere Pflanzen überzugehen, bei denen sie eigentlich gar nicht direkt eingesetzt werden. Die Forscher hatten den Ursprung der Pollen in den Bienenstöcken untersucht und Erstaunliches gefunden. So waren die Insekten Neonics ausgesetzt, obwohl sie Pollen von unbehandelten Feldern sammelten. Der Grund dafür: Neonikotinoide sind wasserlöslich und gelangen auf diesem Weg vom Samen in das wachsende Pflanzengewebe. »Das bedeutet aber auch, dass sie aus den Samen ausgewaschen werden und in den Boden gelangen können, und dabei eben auch in andere Pflanzen«, erklärt der Entomologe Christian Krupke von der Purdue University in West Lafayette in Indiana. [...] Wenn Neonics auch weiter von der Pflanze weg in die Umwelt gelangen, könnten sie aber noch ganz andere, eher indirekte Probleme aufwerfen. So zeigte beispielsweise eine niederländische Untersuchung aus dem Jahr 2014, wie einige Populationen der Insektenfresser schrumpfen, wenn hohe Neonics-Konzentrationen im Wasser zu finden sind. Das legt nahe, dass die Nahrungsgrundlage der Vögel durch die Chemikalien zerstört wird.

Spektrum, 06.12.2017: Bienensterben: Sind diese Pestizide ein Bienengift? https://www.spektrum.de/news/wie-sehr-s ... ch/1523993
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Nina
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Re: Bauernaufstand

Beitrag von Nina »

Ob die Weidehaltung tatsächlich insektenfreundlich ist oder nicht, entscheidet auch der Umgang mit ihnen, wenn sie lästig werden: Für 2.022 in sogenannten Bremsenfallen gefangene Bremsen lassen 51.416 Nicht-Ziel-Arten - darunter Wildbienen - ihr Leben. Die Höhe des in Kauf genommenen und damit völlig sinnlos getöteten "Beifangs" liegt zwischen 71 und 98,5 Prozent.
In den vergangenen Jahren hat der Einsatz sogenannter Bremsenfallen in der freien Landschaft stark zugenommen. Insbesondere Pferdehalter installieren die Fallen auf den Wiesen und Pferdekoppeln, da sie hoffen, sich und ihre Tiere vor den schmerzhaften Stichen der Pferdebremse (Tabanus sudeticus) zu bewahren. [...] Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es sich bei den 53.438 gefangenen Tieren lediglich in 2.022 Fällen um Bremsen, aber in keinem Fall um die sogenannte Pferdebremse handelte. Der Anteil an Beifang variierte je nach Standort der Bremsenfalle zwischen 71,0 und 98,5 Prozent, darunter waren auch verschiedene Wildbienenarten. [...] Rechtlich betrachtet stellt das Fangen von bestimmten, in Deutschland wildlebenden Tierarten einen Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung dar. Zu diesen Tierarten zählen neben verschiedenen Insektenarten alle heimischen Bienen und Hummeln. Zum Schutz dieser Arten untersagt daher Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes den direkten Zugriff durch Verletzung oder Tötung, einschließlich des Fangs oder Nachstellen mittels Fallen. Auch die wissentliche Inkaufnahme von Individuenverlusten als Beifang ist verboten.

Celler-Presse, 01.07.2021: Bremsenfallen in Schutzgebieten nicht erlaubt – Studie stellt zu viel Beifang von anderen Insekten fest https://celler-presse.de/2021/07/01/bre ... kten-fest/
Das scheint sich noch nicht besonders rumgesprochen zu haben, denn die schwarzen Bälle mit dem hellen Schirm sind hier überall auf Pferdekoppeln und sogar Kuhweiden zu sehen. Der Handel bietet sie völlig ungehindert als "effektive Lösung ohne Gift und Umweltbelastung" an.

Dabei gibt es ja jede Menge Alternativen, die wesentlich schonender sind, wie Repellents, Fliegennetze und -decken oder bei dunklen Pferden ein einfacher Anstrich in schicker Zebra-Optik mit einem simplen Mehl-Wasser-Gemisch. Aber das wäre dann ja wieder mit Aufwand verbunden.
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