Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Norwegen, Schweden, Finnland
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Nina
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Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Im Regierungsbezirk Gävleborg, wo zuletzt im Rahmen der Lizenzjagd 16 Wölfe abgeschossen worden sind, funktioniert das System "Scheu durch Bejagung" richtig gut :roll: - es gibt sechs Anträge auf Schutzjagd, weil sich die Wölfe angeblich nicht scheu verhalten. Sie seien im Siedlungsbereich zwischen Häusern gesichtet worden und hätten dort - große Empörung - Achtung, kein Witz - markiert! Zudem sollen sie Menschen bis auf 30m näher gekommen sein.

Die Bezirksregierung hat dem Schutzjagdbegehren wegen Wildpinkeln & Co. nicht stattgegeben, da es sich um nur wenige Begegnungen in einem Zeitraum von drei Monaten gehandelt habe und ein Markieren kein problematisches Verhalten darstelle. Dabei beruft sich die Behörde auf eine Einschätzung des Viltskadecenters, nach der Wölfe gern über Hundebotschaften drübermarkieren - und im Siedlungsbereich, wo mehr Hunde leben, gebe es eben auch entsprechend mehr Gründe und Gelegenheiten für Wölfe, eine "Ich war auch hier"-Botschaft zu hinterlassen.*

Svensk Jakt, 04.02.2021: Nej till skyddsjakt på varg: ”Revirmarkeringar inne bland hus inte särskilt problematiskt” https://svenskjakt.se/start/nyhet/nej-t ... lematiskt/

Offenbar fühlt sich der eine oder andere Zwei (Drei-?)Beiner persönlich angegriffen, wenn ein Wolf nicht nur durch einen Ort läuft, sondern frecherweise auch noch durch dreiste Wildpinkelei das menschliche Revier (mit-)beansprucht.

Die Kommune Ovanåker und eine weitere nicht näher genannte Person wollen jetzt gegen den ablehnenden Bescheid der Bezirksregierung klagen. Man müsse die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen. Zuletzt habe eine Frau beim Spaziergang mit ihren Hunden einige Hundert Meter vom ihrem Haus entfernt eine Wolfsbegegnung gehabt. Sie habe die Situation als sehr unbehaglich beschrieben.

Svensk Jakt, 05.02.2021: Kommunordförande om länsstyrelsens nej till vargjakt: ”Vi kommer att överklaga” https://svenskjakt.se/start/nyhet/kommu ... overklaga/

* Kleiner Funfact zu den Tücken von false friends im Sprachgebrauch: Hundepipi heißt auf Schwedisch: "hundkiss" - mit dem Potenzial für peinliche Verwechslungen. :D
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Nina
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Das Jagdmagazin Svensk Jakt hat noch einmal nachgelegt und die Begegnung der Gassigeherin mit dem Wolf vertieft. Es scheint ja fast, als hätte der Wolf Wind davon bekommen, dass das Schutzjagdbegehren der besorgten Bürger auf ihn seitens der Behörden verwehrt wurde. Darauf tat er das, was so ein Wolf eben gut kann: Menschen mit großen Bedenken erschrecken. :p

Einen Tag nach dem ablehnenden Beschluss der Bezirksregierung Gävleborg kam es zu einem Nahkontakt einer Frau mit einem Wolf. Sie war wie gewöhnlich mit ihren beiden Hunden an der Leine unterwegs. Nach wenigen Hundert Metern Spaziergang befand sie sich Auge in Auge mit einem Wolf. Ihr Mann erklärt: "Der Wolf stand etwa 25m von ihr entfernt. Nach ca. 10 Sekunden begann sie zu schreien, und am Ende wich der Wolf zur Seite weg und trottete ruhig von dannen. Dabei war es erst 10 Tage her, dass ich sie gebeten habe, sich für die Gassirunde mit einem Messer zu bewaffnen. Die Wölfe sind hier häufig anzutreffen, weshalb sie eine Waffe zur Verteidigung braucht, wenn etwas passiert." Die Begegnung soll seiner Beschreibung nach äußerst ungemütlich verlaufen sein. Die Bezirksregierung wurde über den Vorfall unterrrichtet.

Vgl. Svensk Jakt, 05.02.2021: Dagen efter skyddsjaktavslag – kvinna i närkontakt med varg https://svenskjakt.se/start/nyhet/dagen ... -med-varg/
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Nina
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Das Tauziehen geht weiter. Die Gemeinde Ovanåker fordert jetzt, dass gleich drei Wölfe der Schutzjagd zum Opfer fallen sollen, da drei verschiedene genetische Nachweise in der Region erbracht wurden - von dem bekannten Wolfspaar in Oxaklint und einem weiteren adulten Rüden. An der Situation hat sich derweil nichts geändert - es soll zwar "Nahbegnungen" gegeben haben, jedoch haben die Wölfe kein auffälligeres Verhalten gezeigt als zuvor. Der neue Grund für das erneute Schutzjagdbegehren lautet so wie: Gefühlte Bedrohung.

Die Situation in der Gemeinde sei mittelweile "so ernst", dass eine Landflucht zu befürchten stehe, die zur Verödung der Gemeinde führen könnte.

Gegen den Ablehnungsbescheid der Bezirksregierung wurde Klage eingereicht; man hofft, dass das Verwaltungsgericht zu einer anderslautenden Einschätzung kommt und dem Begehren nach einer Schutzjagd auf die zunächst veranschlagten zwei Wölfe nachkommt.

Gleichzeitig hat die Gemeinde Ovanåker ein neues Schutzjagdbegehren auf drei Wölfe bei der Bezirksregierung eingereicht, in das vier neue Wolfssichtungen eingeflossen sind. Dabei solle die Bezirksregierung das Ersuchen schwerpunktmässig auf das Interesse der Gesundheit des Menschen, die öffentliche Sicherheit oder sonstige zwingende Gründe des überwiegend öffentlichen Interesses, inbesondere sozialer Art, überprüfen. Die Anwesenheit der Wölfe mit mehr als einmaliger Nahbegegnung bis auf unter 30m gefährde die Sicherheit und führe zu sozialer Unruhe unter den Bewohnern.

Die Raubtierbeauftragte der Bezirksregierung antwortet Svensk Jakt auf eine Anfrage, dass die Entscheidungen einzelfallabhängig getroffen würden und man sich an gesetzliche Vorgaben, Richtlinien und Empfehlungen halte, u. a. an die Empfehlungen des Viltskadecenters ”Nära vargar – Rekommendationer för hantering av situationer med vargar nära bostadshus eller människor”, das in etwa mit dem deutschen "Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten" (2018, BfN-Skript 502) entspricht.

Vgl. Svensk Jakt, 11.02.2021: Kommun ansöker på nytt om skyddsjakt på varg: ”Allvarlig situation” https://svenskjakt.se/start/nyhet/kommu ... situation/

Sveriges Lantbruksuniversitet, Viltskadecenter vid Grimsö Forskningsstation (2016): Nära vargar – Rekommendationer för hantering av situationer med vargar nära bostadshus eller människor https://pub.epsilon.slu.se/14105/1/frank_j_170328.pdf
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Ich stelle mir das hier mal für chem trails vor. .... Echt keinerlei Grundlage für Nackenschweiß, aber wenn es für "soziale Unruhen" bei den "Informierten" sorgen kann, dann, naja .. muss man eben auch mal Flugverkehr auf 50km Radius einstellen.

Der Wille der Besorgten Bürger ... :shocked: I love democracy. Gibt's das auch auf nørdisch?
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Nina
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Hüben wie drüben das gleiche Elend. Ich erinnere mich an ein Interview mit Luigi Boitani:
"In Finnland ist die Angst vor Wölfen ebenfalls weit verbreitet. Im vergangenen Jahr haben wir finnische Teilnehmer einer Artenschutzkonferenz gefragt, woher das kommt. Sie sagten, in Finnland sei jemand von Wölfen getötet worden. Wir fragten, wie lange das her sei. Ihre Antwort: etwa 400 Jahre."

Luigi Boitani im Interview mit SPIEGEL-Redakteurin Julia Koch,SPIEGEL-Print-Ausgabe 16/2015 vom 11.04.2015: "Nicht wegrennen!", Seite 108
Lutra
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Lutra »

Etwas OT: Beim Lesen von Nina's Kommentar 11.02./16.19 Uhr mußte ich eine Stelle erst zwei Mal lesen, um meinen Schnelllesefehler richtig zu stellen. Zuerst hatte ich gelesen:
"... dass eine Landflucht zu befürchten stehe, die zur VERBLÖDUNG der Gemeinde führen könnte."
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Nina
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Lutra hat geschrieben:Zuerst hatte ich gelesen:
"... dass eine Landflucht zu befürchten stehe, die zur VERBLÖDUNG der Gemeinde führen könnte."
War ein Schreibfehler meinerseits. Muss sinngemäss richtig heißen:

"... dass eine Landflucht zu befürchten stehe, die zur ENTBLÖDUNG der Gemeinde führen könnte." :D

Ich hätte wahrlich nichts dagegen, wenn die Wolfshysteriker reihenweise in die Städte flüchten und meinetwegen dort ihre kruden Theorien und Märchen verbreiten - während wir übrigen Landmenschen endlich friedlich im Einklang mit der Natur - inkl. Wölfen - leben könnten. Wäre besser für uns und für die Natur. ;)
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Plot twist: Wölfe pinkeln im Dorf, damit sich die verängstigsten Menschlein an einem Ort zur Beschau der jeweils letzten "Untat" versammeln, und so leichter für .... das Anpirschen und den Kehlbiss zu umzingeln sind! :D :x .... :D !
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Nina
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Das Verwaltungsgericht in Luleå hat die Klage zur Durchsetzung der Schutzjagd auf die wildpinkelnden Wölfe abgewiesen und die Einschätzung der Bezirksregierung bestätigt, dass es hierfür an den notwendigen Voraussetzungen fehle.

Letztes Jahr war es noch umgekehrt - da hat die Bezirksregierung die Schutzjagd genehmigt, worauf gegen den Bescheid geklagt wurde. Zu dem Zeitpunkt wies das Verwaltungsgericht die Klage zum Schutz der Wölfe ab und bestätigte die Einschätzung der Bezirksregierung, dass der Aufenthalt der Wölfe in menschlicher Nähe mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Risiko von ernsten Schäden an Menschen und/oder Haustieren führe.

Vgl. Svensk Jakt, 16.02.2021: Domstol: Rätt att inte skyddsjaga närgångna vargar https://svenskjakt.se/start/nyhet/domst ... na-vargar/

Eine Leserbriefschreiberin des Jagdmagazins ist der Meinung, dass von den Wölfen in der Paarungszeit noch einmal ein stärkere Gefahr ausgehe. Schweden sei das einzige Land, das Wölfe - und wozu sie imstande sind- , derart beschönige - das müsse endlich ein Ende haben. Müsse denn erst ein Mensch angegriffen werden und zu Tode kommen, bis jemand begreife, um was für ein potentes Tier es sich beim Wolf handele? Wozu Wölfe in der Lage seien, habe man doch an der Zoowärterin in Kolmården sehen können.

Zur Selbstverteidigung habe sie nun immer eine kleine selbstgemachte Axt dabei und hoffe, dass sie eine eventuelle Begegnung mit den Wölfen auf diese Weise überlebe.

Vgl. Svensk Jakt, 15.02.2021: Debatt: ”Bara Sverige förskönar rovdjuren” https://svenskjakt.se/opinion/debatt/ba ... rovdjuren/

Weil Reste von gerissenem Rehwild in einer Skispur in einem gut besuchten Gebiet bei Alfta gefunden wurden, hat die örtliche Schule ein gemeinsames Skilaufen mit den Schülern abgesagt. Die Wölfe beeinträchtigten damit auch den Schulunterricht, so das Jagdmagazin. Die Bezirksregierung, die die Schutzjagd der Wölfe nicht genehmigen will, wollte sich dazu nicht äußern. Man hätte keinen Einfluss darauf, wie die Schule ihren Unterricht gestalte.

Vgl. Svensk Jakt, 16.02.2021: Vargrevir påverkar skolundervisning – inget beslut om skyddsjakt https://svenskjakt.se/start/nyhet/vargr ... kyddsjakt/

Und während die Wölfe weiter ihre gelben Spuren im Schnee ziehen, schaukelt sich der menschliche Machtkampf um Meinungs- und Handlungshoheit weiter auf.
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Nina
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Re: Schutzjagdgrund: Wildpinkeln

Beitrag von Nina »

Beide Wildpinkler bei Schutzjagd erlegt

Nachdem die Bezirksregierung Gävleborg dem Ersuchen nach einer Schutzjagd wegen fehlender fachlicher Gründe nicht stattgegeben hat und diese Entscheidung auch vom Verwaltungsgericht in Luleå bestätigt wurde, ist man nun doch eingeknickt und hat dem erneuten Antrag der Gemeinde Ovanåker, drei Wölfe zu schießen, stattgegeben. Die Wölfe hätten mehrfach Beute in Siedlungsnähe erlegt, weshalb eine positive Verstärkung durch Futter im Raum menschlicher Bebauung befürchtet wurd, die das Verhalten festigen könnte.

Das Wolfsverhalten sei an sich zwar nicht auffällig, jedoch unerwünscht. Daher wurde dem Schutzjagdbegehren auf der Grundlage sonstiger zwingender Gründe des überwiegend öffentlichen Interesses, in diesem Fall sozialer Art, stattgegeben.

Vgl. Svensk Jakt, 18.02.2021: Länsstyrelsen byter fot – beviljar skyddsjakt på två närgångna vargar https://svenskjakt.se/start/nyhet/lanss ... na-vargar/

Am Samstag wurden darauf zwei Wölfe erschossen.

Vgl. Svensk Jakt, 20.02.2021: Närgångna vargar fälldes på skyddsjakt https://svenskjakt.se/start/nyhet/narga ... kyddsjakt/
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