Der Deutsche Wald

Alles, was sonst nirgends passt.
Benutzeravatar
Dr_R.Goatcabin
Beiträge: 1215
Registriert: 29. Jan 2016, 13:36

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Kommentar zum Thema am Rande für alle, die sich auf Entry-Level mit Waldökologie beschäftigen wollen: vor ein paar Jahren hatte ich mir mal zwei Bücher von Peter Wohlleben ob der guten Kritiken gekauft. Schon bald musste ich konstatieren: was für eine Geldverschwendung.
- Dem Leser wird zwar deutlich, dass sich der Autor ausführlich seinem Thema beschäftigt, dieser hat mindestens aber das Buch "Das geheime Leben der Bäume" so kindlich geschrieben, dass man sich als Akademiker durchweg veräppelt fühlt; das Lesen war für mich von vorn bis hinten eine Qual. Das Wissensniveau setzt auf einer Stufe an, als hätte man in der Schule grundsätzlich Biologie geschwänzt. Insgesamt auch alles zu gefühlsduselig verfasst, was dem Ganzen meiner Meinung nach zusätzlich schadet.

Mir ist sehr wohl klar, dass das auf ein Laienpublikum abzielt; auch die bereits im Vorfeld geäußerte Kritik vor Erscheinung des Buches, der Autor schriebe zu abstrakt oder zu wissenschaftlich orientiert, kann man auch im Epilog nachlesen. Dennoch muss man deswegen aber auch nicht so niedrig zielen, dass es quasi zum Kinderbuch verkommt.

Meine 2Cent dazu.
"Though this be madness, yet there is method in 't ..."
zaino
Beiträge: 2105
Registriert: 20. Mai 2015, 23:39
Kontaktdaten:

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von zaino »

... aktuell wird da ja mit einer sündteuren Ausbildung zum "Waldführer" geworben. *grübel*
Benutzeravatar
Nina
Beiträge: 1755
Registriert: 10. Feb 2016, 13:25

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Nina »

Was hat denn Peter Wohlleben jetzt verbrochen? Seine Ansätze kann ich absolut nachvollziehen. Welchen Stil er wählt und welche Zielgruppe er anspricht, bleibt ja ihm überlassen. Wenn er damit erreicht, dass sich viele Menschen Gedanken über ihre Umwelt machen, weil er ihnen Flora und Fauna auf unterhaltsame und leicht lesbare Weise ins Menschliche "übersetzt", hat er doch viel bewirkt. Und er beruft sich meines Wissens auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Ist doch klar, dass den konservativen Forstleuten das sauer aufstösst - da geht es ja auch meist um wirtschaftliche Interessen. Wie angegriffen sich diese Leute fühlen, zeigt die Petition gegen Peter Wohlleben aus entsprechenden Kreisen. Wenn man darüber so erhaben wäre, würde man so eine Position neben seiner doch leicht ertragen können und lächelnd abtun. Stattdessen die Person Wohlleben so öffentlich anzugreifen und schlechtzureden ist für mich eher ein Indiz, dass man sich ähnlich wie in der Landwirtschaft vor der notwendigen Forstwende und damit um seine Pfründe fürchtet.

Wenn die Forstwirt- und wissenschaft ihre Hausaufgaben so gut gemacht hätte, wie sie behauptet, hätten wir jetzt wohl kaum die Probleme in den Wäldern, die wir haben. Vorausschauend und in komplexen Zusammenhängen denkend sieht für mich anders aus.

Übrigens hat Peter Wohlleben nie vorgegeben, wissenschaftliche Bücher zu schreiben.

An anderer Stelle wurde das, was Wohlleben propagiert, nachgewiesenermaßen erfolgreich praktiziert:
Als sich in den 1980er-Jahren im Nationalpark Bayerischer Wald der Borkenkäfer außergewöhnlich stark vermehrte und die Nationalparkverwaltung eine Bekämpfung bewusst unterließ, hatte das weitreichende Folgen. Binnen weniger Jahre starben mehrere Tausend Hektar alter, ehemals wirtschaftlich genutzter Fichtenbestände in den Hochlagen ab. Aus dem Werk der Borkenkäfer wuchs ein neuer Wald heran, vielgestaltiger und bunter als es der vorherige Wirtschaftswald je war. Knapp 30 Jahre nach dem Borkenkäferbefall zeigt sich jetzt endlich der Erfolg der Nationalpark-Idee "Natur Natur sein lassen". Genau die Baumarten kehrten ganz von alleine zurück, die seit alters her hier gesund gedeihen können. Der "katastrophenartige" Zusammenbruch der alten Fichten war deshalb nicht das Ende des Bergwaldes, sondern er war ein Anstoß zur Entwicklung in Richtung "Urwald".
Der Film zeigt, wie es im einstigen Wirtschaftswald zur "Katastrophe" kam, und wie daraus heute der "Urwald von morgen" heranwächst, wie perfekt hier Werden, Wachsen und Vergehen ineinandergreifen, und warum der Borkenkäfer nicht zum Totengräber, sondern zum Geburtshelfer wurde.


Bayerischer Rundfunk, natur exclusiv, Wildes Deutschland - Der bayerische Wald https://www.br.de/br-fernsehen/programm ... 60454.html
Das vom Borkenkäfer verursachte Fichtensterben führt nach Einschätzung des Umweltverbands Nabu zu einer größeren Artenvielfalt im Harz. Eine Zunahme der Vogelarten, wie sie vom Nationalpark beobachtet wurde, sei die logische Folge der vom Borkenkäfer ausgelösten Entwicklung hin zu naturnäheren Wäldern, sagte Sprecher Philip Poth der Deutschen Presse-Agentur. [...] Im übrigen profitierten nicht nur Vögel, sondern auch zahlreiche weitere Arten von der natürlichen Walddynamik, die momentan in vielen Bereichen des Nationalparks zu erkennen sei.

Schaumburger Nachrichten, 31.10.2018: Baumsterben bringt mehr Leben in den Harz https://www.sn-online.de/Nachrichten/De ... n-den-Harz
Wenn man sich gleich zwei Bücher vom selben Autor kauft, ist man irgendwie auch ein bisschen selbst schuld. Aber da Wohllebens Bücher aktuell sehr gefragt sind, erzielt man auf den bekannten Ankaufsplattformen wie momox & co. bestimmt noch respektable Preise. Oder man spendet die Schmöker einfach mal großzügig an eine Bibliothek oder einen öffentlichen Bücherschrank - und hat für's nächste Mal aus seinen Erfahrungen gelernt. ;)
Benutzeravatar
Dr_R.Goatcabin
Beiträge: 1215
Registriert: 29. Jan 2016, 13:36

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Nina hat geschrieben: 5. Nov 2019, 17:05 Was hat denn Peter Wohlleben jetzt verbrochen? Seine Ansätze kann ich absolut nachvollziehen. Welchen Stil er wählt und welche Zielgruppe er anspricht, bleibt ja ihm überlassen. Wenn er damit erreicht, dass sich viele Menschen Gedanken über ihre Umwelt machen, weil er ihnen Flora und Fauna auf unterhaltsame und leicht lesbare Weise ins Menschliche "übersetzt", hat er doch viel bewirkt. Und er beruft sich meines Wissens auf wissenschaftliche Erkenntnisse. [...]

Übrigens hat Peter Wohlleben nie vorgegeben, wissenschaftliche Bücher zu schreiben.
Entgegen Deinem üblichen, sehr von mir geschätzten Scharfsinn, liebe Nina, scheint Dir hier entgangen zu sein, dass ich konkret erwähnte, Wohllebens Bücher natürlich nicht fürs Fachpersonal geschrieben sind. Auch der Inhalt (bis auf die irritierende Vermenschlichung von Bäumen) steht keineswegs in der Kritik. Absolut ätzend nur fand ich den Stil fürs Lesen, da nach meiner Grundschulzeit schon ein paar Jota an Erfahrungen und Wissenszuwachs zu verzeichnen sind. ;) Oder sind Dir Rezensionen lieber, wo grundsätzlich nur gelobt wird?

(Und ja, die Bücher werde ich dann wohl mal spenden. Es stand leider so gut wie nichts drin, was ich nicht schon vorher wusste.)
"Though this be madness, yet there is method in 't ..."
Lutra
Beiträge: 2678
Registriert: 5. Okt 2010, 21:30
Wohnort: Pulsnitz

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Lutra »

Kennt jemand den Begriff "Waldgesinnung"? Der wurde und wird in meinem naturschützerischen Umfeld gern gebraucht. Er drückt so in etwa das Gefühl für den Wald und den dementsprechenden Umgang mit ihm aus.
Ich habe mal das Bäume-Buch von Wohlleben geschenkt bekommen und da diese Gesinnung auch wiedergefunden. Hat schon interessante Gedanken der Mann. Das Buch habe ich dann doch an meine Tochter weitergereicht, weil es auch nicht so ganz meins war.
Benutzeravatar
Nina
Beiträge: 1755
Registriert: 10. Feb 2016, 13:25

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Nina »

Dr_R.Goatcabin hat geschrieben:Absolut ätzend nur fand ich den Stil fürs Lesen, da nach meiner Grundschulzeit schon ein paar Jota an Erfahrungen und Wissenszuwachs zu verzeichnen sind. ;) Oder sind Dir Rezensionen lieber, wo grundsätzlich nur gelobt wird?
Sachkritik ist das Zauberwort, mein Lieber. ;) Deine "Rezension" klingt, als ob Herr Wohlleben Deine unbestreitbar vorhandene Intelligenz beleidigt hätte. Er hat das Buch aber nicht für Dich persönlich geschrieben (- oder ist es Dir gewidmet? :p ), sondern für ein Millionenpublikum, das auch die Leute einschließt, die den Biologieunterricht tatsächlich geschwänzt haben oder im selbigen mit anderen Dingen beschäftigt waren. Ich habe auch pubertär bedingte Wissenslücken in anderen Fächern, die mich nie wirklich interessiert haben. :lol: Muss man deswegen ein einfach verständliches Buch gleich mit den Worten "ätzend", "Geldverschwendung", "von vorn bis hinten eine Qual", "gefühlsduselig" und "Kinderbuch" abtun?

Und natürlich kann man sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen, ohne ein wissenschaftliches Buch zu schreiben. Das ist ja kein Widerspruch.
Ihr Buch richtet sich an die breite Bevölkerung. Gleichzeitig arbeiten Sie mit Fußnoten und verweisen auf wissenschaftliche Publikationen. Wie ordnen Sie sich als Autor ein?
Wohlleben: Ich schreibe definitiv keine wissenschaftlichen Bücher. Dann dürfte ich nicht emotional schreiben, denn das ist etwas, was Wissenschaftler niemals tun würden. Ich würde eher von einem populären Sachbuch sprechen.

Welches Ziel hat die emotionale Sprache?
Wohlleben: Mir geht es darum, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse wie einen Roman lesen kann. Zu viele Fakten hintereinander schrecken ab. Und das ist genau das, was ich anders machen wollte.

Planet Interview, 11.01.2018: Peter Wohlleben: Mir geht es darum, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse wie einen Roman lesen kann
http://www.planet-interview.de/intervie ... ben/50034/
@Lutra, zaino: Waldgesinnung, Waldführer, Waldbaden... Ich denke mal, wo immer es einen Hype gibt, gibt es dafür entsprechende Bezeichnungen und Menschen, die damit gerne Geld verdienen möchten. Bei uns war im Oktober auch so ein Seminar, das für einen Tag weit über 100 € kosten sollte. Da hab' ich mir gedacht, dass ich das doch eigentlich gratis habe - ich gehe täglich mit den Hunden waldbaden. Früher nannte man das Gassi. :D
Benutzeravatar
Dr_R.Goatcabin
Beiträge: 1215
Registriert: 29. Jan 2016, 13:36

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

@Nina

Da es, wie nun mehrmals konkret herausgestrichen, kein explizites Sachbuch sein will (das ich auch so nicht erwartet habe), kommen andere Kritikpunkte mehr zum Tragen - Stil ist dabei sehr wohl ein wichtiger Punkt. Und nein, das Buch liest sich so oder so eben nicht wie ein "Roman", sondern tatsächlich wie ein Kinderbuch, das sich an Erwachsene mit einem IQ <100 zu richten scheint. Ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten, was mir das Werk da induziert hat. :( Ein Mindestmaß an Allgemeinwissen kann man jedem Menschen zugestehen. Die Liste an wissenschaftlichen Referenzen am Ende des Buches bin ich deswegen trotzdem aufmerksam durchgegangen. Inhaltlich stehe auch ich soweit voll auf seiner Seite.
Wie auch immer, genug dazu an dieser Stelle.
"Though this be madness, yet there is method in 't ..."
Lutra
Beiträge: 2678
Registriert: 5. Okt 2010, 21:30
Wohnort: Pulsnitz

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Lutra »

Na ja, Waldgesinnung hat absolut nichts mit Geld machen zu tun, eher im Gegenteil.
Ich kenne einen Förster,seit längerer Zeit in Rente, der hat sie, die Waldgesinnung. In seinem Revier, damals Staatswald, hat er verschiedene Bereiche regelrecht behütet und sein Holzsoll, was er bringen mußte, wo anders zusammengeklaubt. Nach der "Wende" wurde sein Revier an ein Fürstenhaus verkauft. Sein Arzt hat ihm dringend geraten, nicht mehr dort hinzugehen, wegen seines Herzens. Die neuen Eigentümer betrieben umgehend Plänterwaldwirtschaft, was aber eher Plünderwaldwirtschaft war.
Benutzeravatar
Nina
Beiträge: 1755
Registriert: 10. Feb 2016, 13:25

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von Nina »

"Plünderwaldwirtschaft" ist ja auch mein Kritikpunkt und meines Wissens genau das, was Peter Wohlleben anprangert.

Ich war vor zwei Jahren im Mai mit dem Auto auf dem Weg nach Munster, als mir an einem Waldweg ein Schild auffiel, auf dem ich einen Wolf zu erkennen glaubte. Also habe ich mal kurz gehalten und gelesen, was drauf steht. Es war so ein selbstgebasteltes Schild, das die Hundebesitzer darauf aufmerksam machen sollte, dass sie ihren Hund in der Brut- und Setzzeit aus Rücksicht auf die Wildtiere bitteschön anleinen sollen.
Ironischerweise tobte direkt dahinter im Wald lauttösend gleichzeitig ein Harvester kreuz und quer durch das Dickicht, um einen Baum nach dem anderen zu fällen. Ich sehe durchaus Sinn in der Leinenpflicht, aber nicht, wenn an selber Stelle mitten im Mai gleichzeitig mit Brachialgewalt alles niedergewalzt wird. Bei uns kennt die Forstwirtschaft keine saisonale Rücksicht.

Ich finde die Forderungen der Waldbesitzer aber langsam auch recht abenteuerlich:
Private Waldbesitzer fordern Baumprämie

Kurz vor dem NRW-Waldgipfel am kommenden Montag in Düsseldorf fordern die privaten Waldbesitzer eine Baumprämie. Es sei zwar erfreulich, dass die große Koalition in Berlin mehr als 800 Millionen Euro für die von Sturm, Dürre und Borkenkäfer schwer geschädigten deutschen Wälder zur Verfügung stelle, nun müsse aber auch die versprochene Baumprämie eingeführt werden, forderte Max von Elverfeldt, Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst, in der "Westfalenpost" (Mittwochausgabe).

Süddeutsche, 05.11.2019: Private Waldbesitzer fordern Baumprämie https://www.sueddeutsche.de/wissen/umwe ... -99-593530
Aus meiner Sicht ist zuviel Wald in privater Hand. Am Ende dreht sich alles nur um die Ökonomie.
zaino
Beiträge: 2105
Registriert: 20. Mai 2015, 23:39
Kontaktdaten:

Re: Der Deutsche Wald

Beitrag von zaino »

Ja, es gibt, das wissen wenige, Zuschüsse für den Schutz von Bäumchen gegen Verbiss, beispielsweise. Dennoch wüten die Waldbesitzer gegen Mufflons und Rehe ohne Ende und fordern teilweise den "wildfreien Wald"... :(

Früher waren die "Bauernwälder" meist perfekt gepflegt und trotzdem fast im Urzustand, wunderschön, denn alte, erfahrene Leute hatten sie wachsen lassen, den Altbestand genau zur richtigen Zeit weg genommen, nicht solange die Verjüngung drunter Schutz brauchte, beispielsweise. Man pflanzte UND schützte die "Naturverjüngung", also Nachwuchs des aktuellen Bestandes. Die hatten Zeit, die planten für die Enkel und Urenkel und erfreuten sich dran, etwas für künftige Generationen zu tun.

Das ist alles "out". 10 Jahre warten, und ein vom Mufflon "geschälter" Baum zeigt nur noch winzige Spuren im Bereich der Rinde - der Rest ist völlig ok, gerade gewachsen. Vielleicht ein minimaler Verlust von ein paar Bäumen, aus denen man kein edles Furnier mehr schneiden kann, oder etwas weniger.... Egal, die Drecksviecher müssen SOFORT weg. Jeder gepflanzte Baum ist nicht mehr für die Kinder und Kindeskinder, sondern muss JETZT Asche bringen.
Antworten