Läuft ja so toll in Frankreich

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Nina
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Läuft ja so toll in Frankreich

Beitrag von Nina »

Diverse Politiker und Jäger hierzulande schwärmen von der französichen Wolfspolitik als Erfolgsmodell, bei dem jährlich 10% des Bestandes abgeschossen werden dürfen. Welchen positiven Effekt auf die Zahl der gerissenen Weidetiere hatte das gleich nochmal?
In Frankreich schieße man zehn Prozent der Wolfspopulation, etwa 100 Tiere im Jahr ab, erklärt Wolfsforscher Kurt Kotrschal. Das sei mit der EU vereinbart worden. Aber auch dieses Beispiel zeige: "Einfach in Wolfspopulationen reinzuschießen, vermindert die Schäden an den Weidetieren nicht."

Passiert sei nämlich folgendes: "Die Zahl der gerissenen Weidetiere ging nicht zurück." Wolfsforscher Kotrschal von der Uni Wien führt dafür mehrere Gründe an: Wird abgeschossen, würden Weidetierhalter den Schutz ihrer Herden vernachlässigen. Aber auch, weil man so beschossene Populationen in ihrem Sozialverhalten störe, und "sie dann eher dazu neigen, Weidetiere zu nehmen," erklärt Kotrschal.


BR, 26.04.2023: Wölfe leichter abschießen: Was bedeuten die neuen Regeln? https://www.br.de/nachrichten/bayern/wo ... ln,TcWY7YL
Interessanterweise hat Frankreich einer aktuellen Studie sogar die im europäischen Vergleich höchste Zahl an Nutztierrissen gemeldet:
Meiste gemeldete Vorfälle in Frankreich

„Die Länder mit den meisten an uns gemeldeten Wolfs-Vorfällen in den drei Jahren sind Frankreich (9.840), Griechenland (6.870) und Spanien (6.856)“, heißt es in der Studie
[...].

ORF, 28.04.2023: Europa - So oft reißen Wölfe Nutztiere https://science.orf.at/stories/3219015/
Immerhin wird in Frankreich wohl nicht um den heißen Brei herumgeredet, was die Intention hinter den Wolfsabschussgelüsten betrifft:
Außer mit Jagdkritikern muss es die Jägerschaft in Südfrankreich noch mit dem Wolf aufnehmen, der aus ihrer Sicht zu viel Schutz genießt und das Wild streitig macht. Der Bestand an Rehen, Hirschen, Mufflons und Wildschweinen sei im Departement Drôme um 20 bis 40 Prozent gesunken. In einem Brief an die Präfektin forderte die Jägerschaft, 100 Wölfe abschießen zu dürfen. «Wenn man den Wolf weiterhin überbeschützt und wenn es kein oder viel weniger Wild gibt, wird es weniger Jäger geben», argumentierte der Vize-Chef der Jägerschaft, Michel Sanjuan.

ZEIT, 24.05.2023: Die Jagd erhitzt in Frankreich die Gemüter https://www.zeit.de/news/2023-05/24/die ... e-gemueter
Dabei täten weniger Jäger Frankreichs Bürgern und ihrer Gesundheit sicherlich gut:
In den letzten 20 Jahren sind gemäss ihrer Statistik mehr als 400 Menschen bei Jagdunfällen gestorben, und jedes Jahr würden der Gendarmerie mehr als 150 dramatische (aber zum Glück nicht immer tödliche) Zwischenfälle gemeldet. Allein in der laufenden Jagdsaison sind laut der behördlichen Zählung des staatlichen Office français de la biodiversité bereits sieben Personen ums Leben gekommen.

Neue Züricher Zeitung, 01.01.2022: Frankreichs Parteien machen Jagd auf die Stimmen der Jäger und die ihrer Gegner https://www.nzz.ch/international/frankr ... ld.1661513
Und auch aktuell gibt es mehr Tote und Verletzte durch die Jagd, als der Wolf seit seiner Rückkehr jemals produziert hätte:
In der vergangenen Jagdsaison von September 2022 bis März 2023 gab es in Frankreich nach Behördenangaben 78 Verletzte und sechs Tote.

SPIEGEL, 17.09.2023: Alkoholverbot beim Schießen Franzosen dürfen nicht mehr betrunken jagen https://www.spiegel.de/panorama/massnah ... 9db698b399
Ein Alkoholverbot soll den ziellosen Abschuss von Mensch und Tier jetzt ein wenig abmildern. Wie jetzt, nicht mehr stockbesoffen am Schießprügel? Unverschämtheit! Aber ganz so schlimm wird es für Frankreichs Waidmänner dann doch nicht:
Bis zu 1500 Euro werden fällig, wenn Jäger »in einem Zustand offensichtlicher Trunkenheit« erwischt werden, wie es in einem am Sonntag veröffentlichten Dekret im staatlichen Amtsblatt heißt. [...] Eine Promillegrenze legt die Vorschrift dabei nicht fest.

SPIEGEL, 17.09.2023: Alkoholverbot beim Schießen Franzosen dürfen nicht mehr betrunken jagen https://www.spiegel.de/panorama/massnah ... 9db698b399
Gewohnheitstrinker sind hier klar im Vorteil.

Und Frankreich hat noch weitere tolle Ideen:
Das Verbot gehört zu einem Maßnahmenpaket, das die Zahl von Jagdunfällen reduzieren soll. Daneben soll es erhöhte Ausbildungs- und Sicherheitsanforderungen geben sowie eine App, mit der Spaziergänger nachsehen können, wo gerade gejagt wird.

SPIEGEL, 17.09.2023: Alkoholverbot beim Schießen Franzosen dürfen nicht mehr betrunken jagen https://www.spiegel.de/panorama/massnah ... 9db698b399
Was wäre daraus die Konsequenz? Wenn die App anschlägt, war's das mit dem Wandern, dem Pilzesammeln, der Gassirunde, weil dort ein Jäger gerade sein vermeintliche Vorherrschaft ausübt? Das dürfte nur neues Wasser auf die bestehenden Mühlen geben:
Insbesondere die Jagdunfälle sind zum Ausgangspunkt einer Debatte über die Rechte und Freiheiten geworden, die den Jägern im Namen der Tradition und der Regulierung der Wildtierarten eingeräumt worden sind. Vermehrt werden kritische Stimmen laut, die ein Verbot der Hetzjagd mit Hunden zu Pferd sowie neue Regeln zum Schutz der Bevölkerung verlangen. Denn wenn die Jäger auf die Pirsch gehen, wird es in den Wäldern und auf Naturpfaden für Wanderer, Freizeitsportler und bisweilen selbst für Anwohner gefährlich.

Neue Züricher Zeitung, 01.01.2022: Frankreichs Parteien machen Jagd auf die Stimmen der Jäger und die ihrer Gegner https://www.nzz.ch/international/frankr ... ld.1661513
Dass die Jagd die Menschen in Frankreich derart spaltet, hänge auch damit zusammen, dass diese heute weniger praktiziert und somit immer weniger akzeptiert und verstanden werde, sagte Anthropologe Charles Stéphanoff der Zeitung «Le Monde». Der Zuzug von Stadtbewohnern in ländliche Gebiete konfrontiere diese mit kulturellen Praktiken und einem völlig anderen Verhältnis zur Natur. Diese unterschiedlichen Sichtweisen führten zu Unverständnis und moralischer Ablehnung der Jagd. Für Städter sei das Land ein Ort der Freizeit und Erholung, der allen Menschen gehört. Diese Freizeitvision teile die Landbevölkerung nicht, sagte der Anthropologe. Für sie sei das Land ein durch jahrhundertelange Arbeit entstandener Ort der Agrarproduktion.

ZEIT, 24.05.2023: Die Jagd erhitzt in Frankreich die Gemüter https://www.zeit.de/news/2023-05/24/die ... e-gemueter
Frankreich als Vorbild? Allenfalls für Jäger vielleicht...
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