Wolfsgeschichte Walsrode

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Nina
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Wolfsgeschichte Walsrode

Beitrag von Nina »

Zu Wahlkampfzeiten scheinen die Wölfe sich immer besonders merkwürdig zu benehmen - oder sollte man eher sagen, die Menschen? Diese Woche machen wieder zwei Geschichten die mediale Runde - einmal im niedersächsischen Walsrode und einmal in Roxförde in Sachsen-Anhalt.

"Ich habe ja nichts gegen Wölfe, aber..."

In Walsrode will eine Frau der MK Kreiszeitung zufolge vergangenen Samstag auf einer Gassirunde mit ihrem Hund zwischen Walsrode und Neuenkirchen von einem Wolf verfolgt worden sein. Die Frau hat den Angaben der Zeitung zufolge "nichts gegen Wölfe", aber... Nachdem sie nun selbst einen gesehen haben will, dann halt doch nicht mehr. Ihren Namen möchte sie nicht nennen ("Sie habe zu oft erlebt, dass Leute als Wolfsgegner angegriffen werden").
Ach ja? Wann? Wer von wem genau? Interessiert die Kreiszeitung Wochenblatt nicht.

Dass sich ein Wolf durchaus für Spaziergänger mit Hund neugierig interessieren kann, ist weder neu noch ungewöhnlich, so sich die Geschichte denn in der Realität überhaupt so zugetragen haben mag.

Die Begegnung

Zunächst dachte sie ja, der vermeintliche Wolf sei ein Hund, bis dieser angeblich zu heulen begonnen habe. Während sie ganz selbstverständlich ihren Hund abgeleint hat, wunderte sie sich, warum der andere Hund unangeleint unterwegs war. (Gleiches Recht für alle?) Und von welchem "Besitzer" (des Wolfes???) ist da die Rede?
Das mittelgroße Tier hatte sie von der Leine gelassen und begab sich mit dieser Begleitung an der Seite auf den Waldweg. Bald bemerkte sie etwa 50 Meter vor sich ein Tier, das sie zunächst für einen Hund hielt. Als sie näher kam, wunderte sie sich noch, dass der Besitzer das „riesige“ Tier nicht anleinte.

MK Kreiszeitung, 30.07.2021: Wolf verfolgt Frau durch den Wald: „Braucht man kein zweites Mal“ https://www.kreiszeitung.de/lokales/hei ... 84757.html
Wölfe sehen Hunde "immer als Nahrungskonkurrenten"?

Die Frau, die die Rückkehr der Wölfe bislang angeblich immer begrüßt haben will, meint, sie kenne sich auch aus:
Sie wusste, dass der Räuber ihre Hündin immer als Nahrungskonkurrentin wahrnehmen wird und sie jetzt in Gefahr war.

MK Kreiszeitung, 30.07.2021: Wolf verfolgt Frau durch den Wald: „Braucht man kein zweites Mal“ https://www.kreiszeitung.de/lokales/hei ... 84757.html
Dass Wölfe Hunde zwingend "immer als Nahrungskonkurrenten wahrnehmen", ist schlicht falsch.¹

Wie entkommt man einem wildlebenden Wolf? "Seitwärts und über verschlungene Wege"
Während die Bomlitzerin versuchte, seitwärts und über verschlungene Wege aus der Gefahrenzone zu gelangen, hörte sie, wie hinter ihr der Wolf heulte und wieder Antwort erhielt. Sie merkte, dass er hinter ihr war und drehte sich immer wieder mit neuen Einschüchterungsversuchen zu ihrem Verfolger um. „Das ging so mehr als einen Kilometer“, erzählt sie.

MK Kreiszeitung, 30.07.2021: Wolf verfolgt Frau durch den Wald: „Braucht man kein zweites Mal“ https://www.kreiszeitung.de/lokales/hei ... 84757.html
Die Taktik, sich vor einem Wolf unauffällig durch Seitwärtsbewegung und hinein ins Dickicht über verschlungene Wege zu entziehen, hat sich wohl eher als semi-erfolgreich erwiesen.

Und dann: Auftritt des Wolfsberaters (der auch Jäger ist)

Als der Wolfsberater sozusagen die mediale Bühne betritt, wird die Wolfssichtung quasi noch mal (ehren)amtlich für "gefährlich" erklärt - und zwar nicht nur für den Hund, sondern auch gleich noch für die Frau!
Was sie da am Samstagmorgen erlebt hat, war weit mehr als eine der harmlosen Wolfssichtungen. „Das hätte gefährlich werden können“, gibt Wolfsberater Helmut Meyer eine Einschätzung. Für die Hündin, die die Spaziergängerin begleitete, aber womöglich auch für sie. [...] Sie wusste, dass der Räuber ihre Hündin immer als Nahrungskonkurrentin wahrnehmen wird und sie jetzt in Gefahr war. Und das bestätigte gestern auch Wolfsberater Meyer. [...] „Das ist kein normales Verhalten“, versuchte Helmut Meyer gestern, das Erlebnis zu erklären.

MK Kreiszeitung, 30.07.2021: Wolf verfolgt Frau durch den Wald: „Braucht man kein zweites Mal“ https://www.kreiszeitung.de/lokales/hei ... 84757.html
Doch, wölfische Neugier IST normales Verhalten. In den Social Media wurde spekuliert, ob der Wolfsberater wohl auch Jäger sein mag. IST er. Auf der Website der Jägerschaft des Landkreises Verden e. V. wurde er am 20.03.2019 als neuer "Wolfs-Obmann" vorgestellt.

Jägerschaft des Landkreises Verden e.V., 20.03.2019: Hegering erfreut über Zulauf https://jaegerschaft-verden.de/2019/03/ ... er-zulauf/

Zwei Rudel in einem Waldstück!

Auf die Eingabe des Jägers und Wolfsberaters sei das Umweltministerium eingeschaltet worden. Ein Angriff sei nicht auszuschließen gewesen. In dem Waldstück zwischen Walsrode und Neuenkirchen würden zwei Wolfsrudel leben.
Die Bomlitzerin hatte den Wolfsberater unter dem Eindruck der Erlebnisse noch am Sonnabend aufgesucht. „Ich habe eine Eingabe beim Wolfsmonitoring gemacht und mittlerweile hat sich auch das Umweltministerium eingeschaltet.“ Meyer vermutet, dass die Spaziergängerin dem „RendezvouzPlatz“ zu nahe gekommen ist. „Dort kommen sie zusammen und ziehen ihre Jungen auf“, erklärt er. Dann sei eben ein Angriff nicht auszuschließen. Gerade in dem Waldstück sei die Population recht groß. Er habe von zwei Rudeln gehört, die dort leben sollen.

MK Kreiszeitung, 30.07.2021: Wolf verfolgt Frau durch den Wald: „Braucht man kein zweites Mal“ https://www.kreiszeitung.de/lokales/hei ... 84757.html


Da wäre dem Herrn Herrn Jäger und Wolfsberater vielleicht noch einmal eine kleine Nachschulung angeraten:
Selbst ihre Welpen verteidigen Wölfe in der Regel nicht gegen Menschen. In Russland und Weißrussland ist es bis heute eine verbreitete Methode der Wolfsreduktion, die Welpen aus dem Bau zu nehmen. Es kann dabei vorkommen, dass Wölfe bei der Annäherung von Menschen an den Wolfsbau in der Nähe bleiben, heulen und bellen.

I. Reinhardt, P. Kaczensky, J. Frank, F. Knauer, G. Kluth: Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten - Empfehlungen der DBBW - Bundesamt für Naturschutz, BfN-Skript 502 (2018), Seite 13 https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/servic ... ipt502.pdf
Und zur angeblichen Gefahr für die Hundeführerin, die der Herr Jäger und Wolfsberater da heraufbeschwört:
Die weitaus meisten Hunde in Wolfsgebieten werden nie in direkten Kontakt zu Wölfen kommen und selbst wenn, dann sind sie in der Regel in direkter Nähe zum Menschen, dessen Anwesenheit ihnen Schutz bietet. Allerdings muss die Begegnung zwischen Wölfen und Hunden auch nicht zwangsläu­fig aggressiv verlaufen. [...] Konflikte kann es geben, wenn Hunde sich al­lein im Gelände bewegen und dort auf Wölfe treffen. [...] Generell sollten Hunde im Wolfsgebiet an­geleint bzw. nahe bei ihrem Besitzer geführt werden. Es kann durchaus vorkommen, dass Wölfe sich für diese Artgenossen interessie­ren, die aus Wolfssicht „dreist“ in ihrem Terri­torium markieren. Die Nähe seines Besitzers ist der beste Schutz für den Hund. Kommt es zu einem Zusammentreffen von Wolf und Hund, sollte man seinen Hund zu sich ru­fen, anleinen und sich ruhig zurückziehen. Falls der Wolf weiter Interesse an dem Hund zeigt, sollte man sich durch Rufen deutlich bemerkbar machen und den Wolf ggf. durch das Werfen von Gegenständen vertreiben. Eine Gefahr für den Hundeführer selbst be­steht in diesen Situationen nicht. Die Wölfe interessieren sich für ihre domestizierten Verwandten, nicht für die Menschen.

Sächsisches Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft: Mit Wölfen leben (2019), Seite 60-61 https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11883
Walsroder Zeitung setzt noch einen drauf: Aus einem Wolf mach zwei

Wer noch ein paar Kröten für eine erweiterte Version der Geschichte mit noch einem zusätzlichen Wolf ausgeben möchte, kauft sich den Paywall-Artikel der Walsroder Zeitung:
Mindestens zwei Wölfe haben eine Bomlitzerin am vergangenen Sonnabend durch den Wald im Löverschen verfolgt.

Walsroder Zeitung, 30.07.2021: Eigentlich hatte die Bomlitzerin eine recht neutrale Einstellung zu Wölfen - das hat sich am vergangenen Sonnabend geändert. Frau wehrt Wolf mit Hundeleine ab https://www.wz-net.de/lokales/frau-wehr ... 49-21.html




¹
Im Einzelfall können Hunde Auslöser für Nahbegegnungen zwischen Wolf und Mensch sein oder dafür, dass Wölfe sich über längere Zeit im Siedlungsbereich aufhalten. Der Grund für die starke Anziehung, die Hunde auf Wölfe ausüben können, ist, dass diese im Hund einen Sozialpartner sehen. Je nach Situation können Wölfe auf Hunde unterschiedlich reagieren: neutral (dies ist meist der Fall), positiv (der Hund wird als Paarungspartner oder Spielgefährte gesehen) oder negativ (Hund wird als Konkurrent wahrgenommen).

I. Reinhardt, P. Kaczensky, J. Frank, F. Knauer, G. Kluth: Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten - Empfehlungen der DBBW - Bundesamt für Naturschutz, BfN-Skript 502 (2018), Seite 13 https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/servic ... ipt502.pdf
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