Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Auf ein interessantes Buch oder Internetseite über Wölfe gestolpert? Dann her damit!
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Hindrikson et al. (2013): Spatial Genetic Analyses Reveal Cryptic Population Structure and Migration Patterns in a Continuously Harvested Grey Wolf (Canis lupus) Population in North-Eastern Europe. DOI: 10.1371/journal.pone.0075765. Volltext Google Translate.

Abstract
Die räumliche Genetik ist ein relativ neues Gebiet in der Wildtier- und Naturschutzbiologie, das zu einem wesentlichen Instrument wird, um die Komplexität von Tierpopulationsprozessen aufzudecken und wirksame Strategien für die Erhaltung und Bewirtschaftung zu entwickeln. Konzeptionelle und methodische Entwicklungen auf diesem Gebiet sind daher von entscheidender Bedeutung. Hier präsentieren wir zwei neue methodologische Ansätze, die die analytischen Möglichkeiten von STRUCTURE und DResD erweitern. Mit diesen Ansätzen analysieren wir die Struktur und Migration einer Population grauer Wölfe (Canis lupus) in Nordosteuropa. Wir haben 16 Mikrosatelliten-Loci in 166 Individuen genotypisiert, die aus der Wolfspopulation in Estland und Lettland stammen, die seit Jahrzehnten einem starken und kontinuierlichen Jagddruck ausgesetzt ist. Unsere Analyse hat gezeigt, dass diese relativ kleine Wolfspopulation durch vier genetische Gruppen repräsentiert wird. Wir verwendeten auch einen neuartigen methodischen Ansatz, bei dem die räumliche Trennung genetischer Gruppen durch lineare Interpolation statistisch getestet wird. Die neue Methode, die in der Lage ist, die Ausgabe des Programms STRUCTURE zu verwenden, kann in der Populationsgenetik in großem Umfang angewendet werden, um sowohl Kernbereiche als auch Bereiche von geringer Bedeutung für genetische Gruppen aufzudecken. Wir verwendeten auch eine kürzlich entwickelte, räumlich explizite, auf Einzelpersonen basierende Methode DResD und verwendeten sie zum ersten Mal für Mikrosatellitendaten, wobei ein Migrationskorridor und Barrieren sowie mehrere Kontaktzonen sichtbar wurden.

Hulva et al. (2018): Wolves at the crossroad: Fission-fusion range biogeography in the Western Carpathians and Central Europe. DOI: 10.1111/ddi.12676. Volltext Google Translate.

Abstract
Ziel
Die Bevölkerungsfragmentierung ist ein Leitmotiv der Naturschutzbiologie, die Auswirkungen der Wiederverbindung der Bevölkerung sind jedoch weniger gut untersucht. Die jüngste Neukolonialisierung großer Fleischfresser in Europa ist ein gutes Modell für die Untersuchung dieses Phänomens. Wir wollen neue Daten zur Verbreitung und zur populationsgenetischen Struktur des grauen Wolfs in Mitteleuropa, einer Region, die als häufige Kreuzungs- und Kontaktzone verschiedener phylogeografischer Abstammungslinien angesehen wird, in einem biogeografischen Kontext aufzeigen.

Ort
Westkarpaten, Mitteleuropa.

Methoden
In Übereinstimmung mit der Annahme eines hochmobilen Säugetiers wurden individuelle Bayes'sche Cluster und eine nachträgliche Definition der Populationen verwendet. Die Integration der landschaftsgenetischen und biogeografischen Rahmenbedingungen ermöglichte die Identifizierung von Übergängen in der Populationsarchitektur. Diese Muster könnten isolierenden Faktoren zugeschrieben werden, die auf historischem Wissen über die Artendemographie beruhen.

Ergebnisse
Die genetische Differenzierung spiegelt die Isolierung der Bevölkerung und erkannte Umweltcluster wider, was auf eine ökotypische Variation schließen lässt. Die Ost-West-Spaltung in den Westkarpaten ist wahrscheinlich ein Zeichen für die Zersplitterung des Verbreitungsgebiets bei Engpässen im 20. Jahrhundert. Die mitochondriale Variabilität ist schwächer als die nukleare Variabilität, was auf eine Founder-Flush-Demographie hinweist. Mikrosatelliten zeigen in den Karpaten eine feinere Differenzierung als in der europäischen Ebene, was der topografischen Heterogenität entspricht. Weiträumige Ausbreitung eines Karpatenwolfs (ca. 300 km), Ansiedlung von Enklaven aus der Tieflandpopulation und Beimischung von Gebirgswölfen wurden festgestellt, was auf eine Populationsfraktion hinweist, die einen großräumigen Genfluss erzeugt.

Hauptschlussfolgerung
Karpatenwölfe sind durch Perioden des Bevölkerungs- und Verbreitungsrückgangs aufgrund der Ausrottung gekennzeichnet, was die Refugialrolle der alpinen Lebensräume und peripatrischen Effekte erleichtert, gefolgt von Ausdehnungen und Verschmelzungen, die wahrscheinlich durch den Waldübergang, die Anpassung der Bevölkerung und die Bemühungen um die Bewirtschaftung des Naturschutzes verursacht wurden. Neue Vorkommen und Hybridisierungsereignisse lassen weitere Kontakte zwischen ehemals isolierten Populationen vermuten, mit potenziell gegensätzlichen Auswirkungen von Heterosis und Auszuchtdepression. Die Erholung der Bevölkerung könnte aufgrund der Isolierung durch die Umwelt und der anthropogenen Einflüsse behindert werden.


Szewczyk et al. (2019): Dynamic range expansion leads to establishment of a new, genetically distinct wolf population in Central Europe. DOI: 10.1038/s41598-019-55273-w. Volltext Google Translate.

Abstract
Lokale Extinktions- und Rekolonisationsereignisse können die genetische Struktur von unterteilten Tierpopulationen beeinflussen. Der graue Wolf (Canis lupus) wurde aus den meisten Teilen Europas ausgestorben, hat aber kürzlich einen großen Teil seines historischen Verbreitungsgebiets neu besiedelt. Im westlichen Teil der europäischen Tiefebene ist eine außergewöhnlich dynamische Zunahme der Wolfspopulation zu beobachten. Die genetischen Konsequenzen dieses Prozesses sind jedoch noch nicht vollständig geklärt. Wir wollten die genetische Vielfalt dieser kürzlich etablierten Wolfspopulation in Westpolen (WPL) untersuchen, ihre Herkunft bestimmen und neue Daten zur populationsgenetischen Struktur des grauen Wolfs in Mitteleuropa liefern. Wir verwendeten sowohl räumlich explizite als auch nicht explizite Bayes'sche Clustering-Ansätze sowie eine modellunabhängige, multivariate Methode DAPC, um auf die genetische Struktur eines großen Datensatzes (881 identifizierte Individuen) von Wolf-Mikrosatelliten-Genotypen zu schließen. Um die in der untersuchten Population beobachteten Muster in einen breiteren biogeografischen Kontext zu stellen, analysierten wir auch ein Fragment der mtDNA-Kontrollregion, das in früheren Studien häufig verwendet wurde. In den neu besiedelten Gebieten westlich der Weichsel stellten wir im Vergleich zu einer Quellpopulation einen leicht verringerten Allelreichtum und eine geringere Heterozygotie fest. Wir entdeckten eine relativ starke West-Ost-Strukturierung bei Tieflandwölfen, die wahrscheinlich auf Gründerflush [founder-flush] und Allelsurfen [allel-surfing] während der Verbreiterung des Verbreitungsgebiets zurückzuführen ist und zu einer klaren Unterscheidung der genetischen Gruppen von WPL, östlichem Tiefland und Karpaten führt. Interessanterweise bildeten Wölfe aus kürzlich rekolonialisierten Berggebieten (Sudetes Mts, Südwestpolen) eine Ansammlung von Tiefland-, nicht jedoch Karpatenwolfpopulationen. Wir haben auch ein Gebiet in Zentralpolen identifiziert, das ein Schmelztiegel der westlichen, östlichen Tiefland- und Karpatenwölfe zu sein scheint. Wir schließen daraus, dass der Prozess der dynamischen Rekolonialisierung des mitteleuropäischen Tieflandes zur Bildung einer neuen, genetisch unterschiedlichen Wolfspopulation führt. Zusammen mit der Ansiedlung und Etablierung von Rudeln in Bergen durch Flachlandwölfe und umgekehrt lässt sich vermuten, dass die derzeitige wolfgenetische Struktur in Mitteleuropa eher von der demografischen Dynamik und möglicherweise von anthropogenen Barrieren als von ökologischen Faktoren (z. B. vom Lebensraum abhängige Verbreitungsmuster) beeinflusst wird.
... Leseempfehlung für Molekularbiologen*; ich habe mir hauptsächlich die bunten Punkte auf den Karten angeschaut. :D

*(Für solche die es noch werden wollen (mit zuviel Freizeit und Spaß bei Excel), siehe hier. :p)
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Erklärbär
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Erklärbär »

Das ist mittlerweile eine interessante Literaturliste.

Ich hege jedoch starke Zweifel, dass sich hier irgendjemand mal näher mit den Inhalten auseinandergesetzt hat.

Sonst könnte man in anderen Threads auch mal über Hybridisierung diskutieren, anstatt nicht ins Raster passende Beiträge anderer Forenmitglieder zu löschen.
Will you walk out of the air, my lord?
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Old Trapper
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Old Trapper »

Erklärbär hat geschrieben: 13. Dez 2019, 10:10 Das ist mittlerweile eine interessante Literaturliste.

Ich hege jedoch starke Zweifel, dass sich hier irgendjemand mal näher mit den Inhalten auseinandergesetzt hat.

Sonst könnte man in anderen Threads auch mal über Hybridisierung diskutieren, anstatt nicht ins Raster passende Beiträge anderer Forenmitglieder zu löschen.
Um sich näher mit den Aussagen der oben zitierten und weiterer Literatur zur Thematik Hybridisierung, Genintrogression - oder besser zur genetischen Evolution von Arten, geografischen Rassen und lokalen Populationen ernsthaft auseinanderzusetzen bedarf es umfangreicher Kenntnisse in den Bereichen Genetik und Evolution. Solange den meisten Mitmenschen (auch hier im Forum) selbst einfache Grundkenntnisse über den Ablauf populationsgenetischer Prozesse fehlen dürften, ist eine ernsthafte Diskussion oder Debatte auf diesem Feld m. M. nach kaum möglich.
Viele auch hier im Forum zu findenden Beiträge zu diesem Thema können das leider nur bestätigen.

Im Übrigen liefern die oben zitierten Quellen denen, die sich in der Materie auskennen nichts wesentlich Neues und schon gar nichts Überraschendes.
Denke erst bevor du schreibst,
sende erst nachdem du denkst!
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Es hat einen Grund, weshalb der Blödel-Thread um Hybridwölfe endlich (!) dichtgemacht wurde. Das hier ist keine Ausweich-Müllkippe, sondern dafür da, neue wie alte Artikel um .. [siehe Name oben] zu listen.
Old Trapper hat geschrieben: 13. Dez 2019, 11:14 Um sich näher mit den Aussagen der oben zitierten und weiterer Literatur zur Thematik Hybridisierung, Genintrogression - oder besser zur genetischen Evolution von Arten, geografischen Rassen und lokalen Populationen ernsthaft auseinanderzusetzen bedarf es umfangreicher Kenntnisse in den Bereichen Genetik und Evolution. Solange den meisten Mitmenschen (auch hier im Forum) selbst einfache Grundkenntnisse über den Ablauf populationsgenetischer Prozesse fehlen dürften, ist eine ernsthafte Diskussion oder Debatte auf diesem Feld m. M. nach kaum möglich.
Amen to that.

Ansonsten besteht auch kein Anspruch darauf, sensationell Neues zu präsentieren - wie auch jeder in der Wissenschaft weiß, dass die Mehrheit an Paper schlicht weitere kleine Puzzleteile liefern. Ich gehe mal davon aus, dass Old Trapper den Mehrwert des Threads hier nicht in Frage stellen, sondern just in Relation setzen wollte. ... Auch wenn es beim ersten Lesen anders klingt. Interessierte Menschen mit entsprechend nötigem Hintergrundwissen für korrekte Interpretation, Forumsmitglied oder nicht, können und sollen sich gerne bedienen, oder gerne auch Ergänzungen liefern.

Es sei jedem anheimgestellt, sich nicht unnütz zu äußern, wenn man nichts beizutragen hat.
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Zum Ende des Jahres noch der kleine Abstecher in Erfahrungen, wie genetische Proben (am besten) gesammelt werden, und wie kritisch der Zeitfaktor ist (dürfte aber grob bereits bekannt sein).

Piaggio et al. (2019): DNA persistence in predator saliva from multiple species and methods for optimal recovery from depredated carcasses. DOI: 10.1093/jmammal/gyz156. Volltext Google Translate.

Abstract
Die molekulare Forensik ist ein wichtiger Bestandteil der Erforschung und des Managements von Wildtieren. Mithilfe von DNA aus nicht-invasiven Proben, die an Raubtierstandorten gesammelt wurden, können wir Raubtierarten identifizieren und individuelle Genotypen ermitteln. Dies verbessert unser Verständnis der Dynamik von Raubtieren und der Auswirkungen von Raubtieren auf Nutztiere und gefährdete Arten. Zur Verbesserung der Probenahmestrategien haben wir zwei Probenahmemethoden und die geschätzten Abbauraten von Predator-DNA an Kadavern mehrerer Beutetiere getestet. Wir fütterten drei gefangene Raubtierarten mit Kälbern (Bos taurus) und Lämmern (Ovis aires): Wölfe (Canis lupus), Kojoten (C. latrans) und Berglöwen (Puma concolor). Wir wischten den Kadaver auf dem Feld ab, entfernten ein Stück Haut von den Kadavern und wischten ihn dann im Labor ab. Wir haben alle Gewebeproben mit der Zeit abgetupft und versucht, den an der Depredation beteiligten Räuber mithilfe von Speichel-DNA zu identifizieren. Wir fanden, dass der erfolgreichste Ansatz zur Gewinnung von lebensfähiger Speichel-DNA darin bestand, das Fell von der Beute zu entfernen und im Labor abzuwischen. Wie erwartet nahm der Genotypisierungsfehler mit der Zeit zu und unsere Fähigkeit, vollständige Genotypen zu erhalten, nahm mit der Zeit ab, wobei letztere nach 24 Stunden unter 50% fielen. Wir bieten Richtlinien für die Entnahme von Speichel-DNA aus Geweben depredierter Kadaver, um die maximale Erkennungswahrscheinlichkeit zu gewährleisten.
Discussion
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fälle von Wolfsrissen die höchste Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg bei der Genotypisierung von Raubtieren ergaben, insbesondere wenn die Stichprobe innerhalb der ersten 12 Stunden erstellt wurde. Nach 12 Stunden sank die Erfolgsrate der Genotypisierung auf unter 25%, was darauf hindeutet, dass dieser Ansatz in Bereichen, in denen die Reaktion auf ein Rissereignis nicht schnell erfolgen kann, möglicherweise nicht die effektivste ist. Wenn DNA jedoch bei der Lösung von Rissfragen helfen kann, bei denen herkömmliche Methoden nicht helfen, kann es sich lohnen, eine Probe im Labor zu entnehmen, um eine kleine DNA-Sequenz zur Identifizierung von Arten oder einen Teil des individuellen Genotyps zu erhalten. Man könnte auch die Anzahl der im Labor durchgeführten technischen Replikationen erhöhen (Lonsinger et al. 2015), um die Erfolgsrate der Genotypisierung zu verbessern, wenn die individuelle Identifizierung kritisch ist. Unsere Ergebnisse liefern neue Leitlinien für Methoden zur optimalen DNA-Gewinnung aus Risskadavern. Unsere neue Feldsammelmethode (Entfernen eines Teils der Haut und Versenden an das Labor) steigerte den Erfolg der Genotypisierung im Vergleich zu den Standardmethoden für das Abtupfen von Risskadavern auf dem Feld. Diese Methode könnte auch die Belastung des Außendienstpersonals verringern.

( Wenn keine genetische Forensik zur Verfügung steht: wer hat die schönsten Zähne? :D )
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Loog et al. (2020): Ancient DNA suggests modern wolves trace their origin to a Late Pleistocene expansion from Beringia. DOI: 10.1111/mec.15329. Google Translate Volltext

Abstract
Grauwölfe (Canis lupus) sind einer der wenigen großen Carnivoren auf der Erde, die im gesamten Pleistozän und Holozän eine breite geografische Verbreitung auf der Nordhalbkugel haben. Jüngste genetische Studien haben gezeigt, dass trotz dieser kontinuierlichen Präsenz große demografische Veränderungen in den Wolfspopulationen zwischen dem späten Pleistozän und dem frühen Holozän auftraten und dass vorhandene Wölfe ihre Abstammung auf eine einzige spätpleistozäne Population zurückführen.

Sowohl die geografische Herkunft dieser Ahnenpopulation als auch ihre Verbreitung sind unbekannt. Hier verwendeten wir ein räumlich und zeitlich explizites Modellierungsgerüst, um einen Datensatz von 90 modernen und 45 alten mitochondrialen Wolfsgenomen aus der gesamten nördlichen Hemisphäre zu analysieren, der sich über die letzten 50.000 Jahre erstreckte. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass zeitgenössische Wolfspopulationen ihre Vorfahren auf eine Expansion von Beringia am Ende des letzten Gletschermaximums zurückführen und dass dieser Prozess höchstwahrscheinlich durch spätpleistozäne ökologische Schwankungen auf der Nordhalbkugel ausgelöst wurde.

Diese Studie liefert direkte antike genetische Beweise dafür, dass die Langstreckenmigration eine wichtige Rolle in der Bevölkerungsgeschichte eines großen Carnivoren gespielt hat, und gibt Aufschluss darüber, wie Wölfe die Welle des Aussterbens der Megafaunen am Ende der letzten Vereisung überlebt haben. Da spätpleistozäne Grauwölfe die wahrscheinliche Quelle waren, aus der alle modernen Hunde ihre Herkunft verfolgen, hat die in dieser Studie beschriebene demografische Geschichte grundlegende Auswirkungen auf das Verständnis der geografischen Herkunft des Hundes.
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Nicht direkt eine Buchempfehlung (ich habe es ja nicht gelesen, und das Interesse hier dürfte dünner ausfallen), aber ich fand beim Aufräumen meiner Literatursammlung einen Eintrag, der bisher etwas unterging, trotzdem aber nicht unerwähnt bleiben sollte. Voransicht bei Google Books

Stépanoff & Vigne (2018): Hybrid Communities: Biosocial Approaches to Domestication and Other Trans-species Relationships. Routledge, New York. 324 Seiten. ISBN: 978-0367587918, eISBN: 9781315179988, DOI: 10.4324/9781315179988. Link

Klappentext
Die Domestizierung stellt unser Verständnis der Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt in Frage, weil sie die Dichotomie zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen verwischt. In der Domestizierung sind biologische Evolution, Umweltveränderungen, Techniken und Praktiken, anthropologische Wege und soziokulturelle Entscheidungen untrennbar miteinander verbunden. Domestizierung ist im Wesentlichen ein hybrides Phänomen, das mit hybriden wissenschaftlichen Ansätzen untersucht werden muss.

Hybride Gemeinschaften: Biosoziale Ansätze zur Domestizierung und anderen Beziehungen zwischen Arten versuchen zum ersten Mal, die Domestizierung zu untersuchen, die sowohl in ihren Ursprüngen als auch als fortlaufender Prozess aus verschiedenen Disziplinen betrachtet wird. Diese bearbeitete Sammlung schlägt neue biosoziale Ansätze und Konzepte vor, die die Methoden der Sozialwissenschaften, der Archäologie und der Biologie integrieren, um die Domestizierung in der Diachronie und synchron neu zu beleuchten.

Dieses Buch wird für alle Wissenschaftler von großem Interesse sein, die sich mit Mensch-Umwelt-Beziehungen befassen, und sollte auch Leser aus den Bereichen Sozialanthropologie, Archäologie, Genetik, Ökologie, Botanik, Zoologie, Geschichte und Philosophie anziehen.
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

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Santostasi et al. (2021): Estimating Admixture at the Population Scale: Taking Imperfect Detectability and Uncertainty in Hybrid Classification Seriously. DOI: 10.1002/jwmg.22038. Google Translate Volltext

Abstract
Die introgressive Hybridisierung zwischen Haushunden und Wölfen (Canis lupus) stellt einen symbolischen Fall anthropogener Hybridisierung dar und bedroht zunehmend die genomische Integrität von Wolfspopulationen, die sich in vom Menschen veränderte Landschaften ausdehnen. Es fehlen jedoch Studien, die die Prävalenz formal abschätzen und die unvollständige Erkennbarkeit und Unsicherheit bei der Hybridklassifizierung berücksichtigen.
Unser Ziel war es, einen Ansatz zur formalen Schätzung des Beimischungsanteils unter Verwendung eines Capture-Recapture-Frameworks (CR) vorzustellen, das auf einzelne Multilocus-Genotypen angewendet wird, die aus nicht-invasiven Proben einer geschützten Wolfspopulation in Italien nachgewiesen wurden. Wir haben einzelne Multilocus-Genotypen unter Verwendung eines Panels von 12 Mikrosatelliten bewertet und Genotypen zugewiesen, um Wolfs- und Hundepopulationen durch Bayes'sche Clustering-Verfahren zu referenzieren. Basierend auf 152 Stichproben umfasste unser Datensatz die Erfassungshistorie von 39 Personen, die in 7 Wolfsrudeln beprobt wurden, und wurde in zweimonatlichen Stichproben (August 2015 - Mai 2016) organisiert.
Wir haben CR-Modelle unter Verwendung einer Multievent-Formulierung angepasst, um die Unsicherheit bei der individuellen Klassifizierung explizit zu behandeln, und dementsprechend zwei Modellszenarien untersucht: eines, das einen traditionellen Ansatz zur Klassifizierung von Individuen widerspiegelt (d.h die Fehlklassifizierung von Wölfen als Hybriden minimiert; Typ-1-Fehler), und das andere unter Verwendung eines strengeren Kriteriums, um die Fehlerraten von Typ 1 und Typ 2 auszugleichen (d.h. die Fehlklassifizierung von Hybriden als Wölfe).
Verglichen mit dem Stichprobenanteil der zugemischten Individuen im Datensatz (43,6%) betrug die formal geschätzte Prävalenz im ersten Szenario 50% und im zweiten Szenario 70%, wobei 71,4% bzw. 85,7% der zugemischten Packungen auftraten. Auf individueller Ebene betrug der Anteil der Hundevorfahren an der Wolfspopulation durchschnittlich 7,8% (95% CI = 4,4–11%). Unser zweites Szenario, das die Fehlerraten von Typ 1 und 2 in Zuordnungstests ausbalanciert, ergab eine um 40% höhere Prävalenzschätzung als das alternative Szenario, was einer Abnahme von Typ 2 um 65% und keiner Zunahme der Fehlerraten von Typ 1 entspricht.
Unsere Studie bietet einen formalen und innovativen Schätzungsansatz zur Bewertung der Prävalenz in gemischten Wildpopulationen und bestätigt frühere Populationsmodelle, die darauf hinweisen, dass Reproduktionsbarrieren zwischen Wölfen und Hunden oder eine Verdünnung von Hundegenen durch Rückkreuzung per se nicht zu erwarten sind, um die Ausbreitung von Introgressionen zu verhindern. Da die anthropogene Hybridisierung Tierarten weltweit zunehmend beeinflusst, ist unser Ansatz für ein breiteres Publikum von Naturschützern und Praktikern von Interesse.
Naja. Ich folge dem weiter auf Researchgate und hoffe, Fachwissenschaftler geben ihre Meinung dazu ab. Vielleicht gibt es ja auch einen Letter darauf.
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

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Smeds et al. (2020): Whole‐genome analyses provide no evidence for dog introgression in Fennoscandian wolf populations. DOI: 10.1111/eva.13151. Google Translate Volltext

Abstract
Hybridisierung und Beimischung können die genetische Integrität von Populationen gefährden und besonders gefährdete Arten betreffen. Die Hybridisierung zwischen Grauwölfen und Hunden wurde in vielen Wolfspopulationen weltweit dokumentiert und ist ein herausragendes Beispiel für die vom Menschen vermittelte Hybridisierung zwischen einer domestizierten Art und ihrem wilden Verwandten. Wir analysierten Gesamtgenomsequenzen von >200 Wölfen und >100 Hunden, um die Beimischung in fennoskandischen Wolfspopulationen zu untersuchen. Eine Hauptkomponentenanalyse der genetischen Variation und der Beimischung zeigte, dass Wölfe und Hunde gut getrennt waren, ohne Anzeichen für eine Introgression. Analysen der lokalen Abstammung ergaben, dass Wölfe <1% gemischte Abstammung hatten, Werte, die mit dem Grad der gemischten Abstammung bei vielen Hunden vergleichbar waren und wahrscheinlich nicht aus der jüngsten Wolf-Hund-Hybridisierung resultierten. Wir zeigen auch, dass die Gründer der skandinavischen Wolfspopulation genetisch untrennbar mit finnischen und russisch-karelischen Wölfen verbunden waren, was auf die geografische Herkunft der zeitgenössischen skandinavischen Wölfe hinweist. Darüber hinaus fanden wir in Skandinavien geborene Tiere bei in Finnland beprobten Wölfen, die einen bidirektionalen Genfluss zwischen der skandinavischen Halbinsel und den östlichen Ländern zeigten. Die geringe Häufigkeit von Beimischungen zwischen Wölfen und Hunden in Fennoskandinavien kann durch die Tatsache erklärt werden, dass wilde Hunde in diesem Teil Europas selten sind und dass sorgfältige Überwachungs- und Managementmaßnahmen Hybriden entfernen, bevor sie in Wolfspopulationen zurückkreuzen.
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Dr_R.Goatcabin
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Re: Genetik der Wölfe: Hybridisierung, Introgression und Abstammungslinien

Beitrag von Dr_R.Goatcabin »

Artikel zur Genealogie unserer Wölfe in Nature! :)

Jarausch et al. (2021): How the west was won: genetic reconstruction of rapid wolf recolonization into Germany’s anthropogenic landscapes. DOI: 10.1038/s41437-021-00429-6. Google Translate Volltext

Abstract
Nach massiver Verfolgung und Ausrottung ermöglichte ein strenger Rechtsschutz eine erfolgreiche Wiederherstellung der Wolfsrudel in Deutschland, die seit 2000 andauert. Hier beschreiben wir diesen Rekolonisierungsprozess durch Sequenzierung der mitochondrialen DNA-Kontrollregion, Mikrosatelliten-Genotypisierung und Geschlechtsidentifikation, hauptsächlich basierend auf 1341 nicht-invasiv gesammelte Proben. Wir haben die Genealogie deutscher Wolfsrudel zwischen 2005 und 2015 rekonstruiert, um Informationen über Trends in der genetischen Vielfalt, Ausbreitungsmuster und Rudeldynamik während des frühen Expansionsprozesses zu erhalten. Unsere Ergebnisse zeigen Anzeichen eines Gründereffekts zu Beginn der Rekolonisation. Die genetische Vielfalt bei deutschen Wölfen ist im Vergleich zu anderen europäischen Wolfspopulationen moderat. Obwohl die Ausbreitung zwischen Rudeln in dem Sinne männlich voreingenommen ist, dass Weibchen philopatrischer sind, sind die Ausbreitungsabstände zwischen Männchen und Weibchen ähnlich, wenn nur Dispergierer berücksichtigt werden. Die Fortpflanzung mit nahen Verwandten ist normal und keiner der sechs männlichen Wölfe, die aus der italienischen / alpinen Population stammen, vermehrte sich. Die moderate genetische Vielfalt und das Inzuchtniveau der rekolonisierenden Population bleiben jedoch durch hohe Sozialität, Streuung zwischen Rudeln und verschiedene Einwanderungsereignisse erhalten. Unsere Ergebnisse zeigen eine anhaltende, schnelle und natürliche Expansion der Wolfspopulation in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft in Mitteleuropa.
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